Inhalt und Duktus des Landwirtschaftlichen Kurses

Ueli Hurter

Zum Inhalt des Landwirtschaftlichen Kurses
Erster Vortrag

Rudolf Steiner führt im ersten Vortrag in den Kurs ein, indem er die wirtschaftlich schwierige Situation der Landwirtschaft erwähnt und sagt, dass es auch das Ziel sei des Kurses durch Erweiterung des fachlichen Horizontes eine Gesundung der Wirtschaft herbeizuführen. Gleich am Anfang erweitert er den landwirtschaftlich relevanten Gesichtskreises bis in den kosmischen Umkreis. Als Beispiel bringt er den Kompass: Der Grund, weshalb die Kompassnadel sich nach Nord-Süd ausrichtet liegt nicht in ihr selber, sondern in ihrem Bezug zum Magnetfeld der ganzen Erde. Entsprechend sind die Pflanzen mit dem ganzen planetarischen Umkreis verbunden. Die obersonnigen Planeten Saturn, Jupiter Mars wirken über das Kieselige auf die Nährhaftigkeit der Pflanzen und die untersonnigen Planeten Mond, Venus, Merkur über das Kalkige auf die Reprodukionskraft.


Zweiter Vortrag

Im zweiten Vortrag werden die Begriffe des landwirtschaftlichen Organismus und der landwirtschaftlichen Individualität eingeführt. Im Vergleich mit dem Menschen steht die landwirtschaftliche Individualität auf dem Kopf, der Boden wird mit dem Zwerchfell verglichen. Kiesel, Kalk, Ton und Humus werden in ihrer Funktion geschildert. Die Pflanzen stehen vielfältig und differenziert in den Rhythmen des kosmischen Lebensgeschehens darinnen. Die Tiere sind teilweise, die Menschen weitgehend von diesen Einflüssen emanzipiert. Die Tiere liefern den unverzichtbaren Mist, um die Fruchtbarkeit des Standortes zu entwickeln. Im Grossen entsteht das Bild, dass in die Polarität von oben und unten, von Sonne und Erde, von kosmisch und irdisch das landwirtschaftliche Tun mit Boden, Pflanzen und Tieren eingebettet ist. Das grosse planetarische Lebensgefüge findet seine Entsprechung im kleinen Lebensgefüge des landwirtschaftlichen Organismus und der landwirtschaftlichen Individualität. Wie das eine mit dem anderen korrespondiert wird an Beispielen, u.a. der Samenbildung bei der Pflanze, aufgezeigt.


Dritter Vortrag

Im dritten Vortrag bespricht Rudolf Steiner die Stoffe, die das Eiweiss als Trägersubstanz des Lebens auf der Erde, bilden: Schwefel, Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff. Sie sind als Stoffe die Träger oder substanziellen Ausgestaltungen von geistigen Wirkprinzipien, die folgendermassen geschildert werden. Der Schwefel ist Ausdruck der geistigen Kräfte, die eine Verstofflichung ermöglichen, der Kohlenstoff ist Träger der Gestaltungskräfte, der Sauerstoff Träger der Lebenskräfte, der Stickstoff der Empfindungskräfte und der Wasserstoff hat die Aufgabe, aus dem Stofflichen wieder ins Geistige zu führen. Diese „fünf Geschwister“ werden begleitet vom Kalk (dem Begierdenkerl) und dem Kiesel (dem vornehemen Herrn). Durch diese Schilderung wird ahnbar, wie im Stoffesgeschehen, mit der es die Landwirtschaft zu tun hat, geistiges, seelisches und lebendiges Wirken anwesend ist und einen Ausdruck findet.


Vierter Vortrag

Der vierte Vortrag bringt den Übergang von den grundlegenden Betrachtungen zu den praktischen Angaben. Das Zusammenwirken von Kräften und Substanzen wird an einem weiteren Beispiel, der Ernährung dargestellt. Die Bäume als Dauerpflanzen werden charakterisiert, und von da aus der Kompost und die Humusbildung betrachtet. Die Kompostpflege wird praktisch behandelt. Es wird ganz konkret besprochen, wie man das Material schichten soll, wie man mit Kalk helfen kann, wie man für eine Abdeckung sorgen soll usw. Die Zuhörer werden aufgefordert, sich mit der Nase ein persönliches Urteil über den richtigen Verlauf des Kompostprozesses zu bilden. Dann wird eine Erweiterung der Düngung gefordert. Als Antwort folgt die Schilderung der Herstellung und Anwendung des Hornmistpräparates. In absoluter Schlichtheit wird hier eine epochale Innovation eingeführt. Dann folgt in äussester Knappheit das Kieselpräparat. Beide ergänzen sich „das eine stösst von unten, das andere zieht von oben.“ Das Hornmistpräparat fördert einen gesunden Boden und eine kräftige Wurzel, das Hornkieselpräparat fördert die Qualität in Blatt-, Blüten- und Fruchtbildung.


Fünfter Vortrag

Im fünften Vortrag werden die Kompostpräparate entwickelt. Als Einleitung wird nochmals Grundsätzliches über die Düngung gesagt. Leichtlösliche Mineraldüngersalze können das Leben nicht fördern, die traditionellen Hofdünger sollen in bestmöglicher Weise gepflegt und verwendet werden. Trotzdem bleibt eine Unterbilanz für den Hof, es gehen mit der Ernte mehr Kräfte vom Hof weg, als aus dem rein organisch-natürlichen Prozess ersetzt werden können – mit dynamischen Massnahmen, den Präparaten, kann man dies ausgleichen.
Als erstes wird das Schafgarbenpräparat entwickelt: Schafgarbenblüten (Achilea millefolium) werden gesammelt, angfeuchtet und in die Blase eines Hirsches gefüllt. Die so gefüllte Hirschblase wird über den Sommer an der Sonne aufgehängt und im Herbst vergraben. Sie überwintert in der Erde und im Frühjahr findet man beim Ausgraben eine humose Substanz, die man sorgfältig aufbewahrt, bis man damit den Mist, die Jauche oder den Kompost impft. Man braucht dazu nur homöopathische Mengen. Dieses Präparat unterstützt die Kalium-Prozesse.
Für das zweite Präparat, das Kamillenpräparat sammelt und trocknet man Blüten der Comomilla officinalis. Im Herbst füllt man die Blüten in den Dünndarm einer geschlachteten Kuh. Diese Kamillenwürste werden auch den Winter über vergraben und im Frühjahr ausgegraben. Die Anwendung unterstützt die Kalzium-Prozesse.
Als drittes folgt das Brennnesselpräparat. Man schneidet die Brennessel (Urtica dioica) vor der Blüte, welkt sie an und vergräbt sie ohne tierische Hülle; sie bleibt ein ganzes Jahr im Boden. Dieses Präparat hilft, den Boden vernünftig zu machen, d.h. die Stickstoff-Prozesse richtig zu führen.
Als Nächstes folgt das Eichenrindenpräparat. Frische Eichenrinde, nach Möglichkeit von der Stieleiche (Querqus robur) wird fein geraspelt und in den Schädel eines Haustieres gefüllt. Für das Vergraben über den Winter wählt man eine matschige Stelle. Dieses Präparat unterstützt die Gesundheit der Pflanzen.
Als fünftes Präparat wird das Löwenzahnpräparat entwickelt. Blüten von Löwenzahn (Taraxacum officinale) werden im Frühjahr gesammelt und getrocknet. Im Herbst wird von der geschlachteten Kuh das Gekröse verwendet und damit die angefeuchteten Blüten umschlossen. Auch hier folgt die Vergrabung über den Winter. In der Anwendung unterstützt es die Kieselprozesse.
Als Letztes kommt das Baldrianpräparat. Blüten von Baldrian (Valeriana officinalis) werden gesammelt und frisch ausgepresst. In Flaschen an der Sonne gelagert, wird der Saft haltbar, er wird wie die anderen Präparate in kleinsten Mengen den organischen Hofdüngern zugesetzt. Dieses Präparat unterstützt die Phosphorprozesse.

 

Sechster Vortrag

Der sechste Vortrag behandelt die Fragen des Unkrautes, der Schädlinge und der Pflanzenkrankheiten. Um bei diesen Fragen etwas zu erreichen, wird konsequent der grosse makrokosmische Blick wie er in den ersten beiden Vorträgen eingeführt worden ist, angewendet. Die einjährigen Unkräuter zeichnen sich insbesondere durch eine starke Reproduktionskraft aus. Diese kommt von den untersonnigen Planeten, insbesondere vom Mond. Wie kann man seine Felder und die Unkräuter so behandeln, dass ein massives Auftreten dieser Pflanzen gehemmt wird? Man kann Samen dieser Unkräuter sammeln und diese verbrennen. Die angefallene Asche streut man auf die Felder. Dadurch tritt für diese Pflanzen nach ein bis vier Jahren eine Hemmung ein, an diesem Ort zu wachsen. Bei tierischen Schädlingen ist das Prinzip dasselbe, die Praxis wird etwas komplexer. Als Beispiel wird die Feldmaus angeführt, man verbrennt die Haut der Feldmaus, wenn die Venus im Skorpion steht. Bei Insekten – als Beispiel wird die Rübennemathode genommen – erfolgt die Veraschung, wenn die Sonne im Stier steht. Schliesslich werden noch die Pflanzenkrankheiten behandelt. Es geht darum, die überschüssigen Mondenkräfte, die insbesondere über das Wasser wirken, abzuleiten. Dies wird dadurch erreicht, indem mit einem Tee von Ackerschachtelhalm (Equisetum arvense) die gefährdeten Kulturen behandelt werden.


Siebenter Vortrag

Der siebente Vortrag handelt von den Prinzipien und der Praxis der Landschaftsgestaltung durch die Landwirtschaft. Der Baum wird in seiner umgebunsgestaltenden Funktion geschildert: In der Krone sind die fruchtbildenden Kräfte konzentriert, das Kambium ist eigentlicher Lebensträger und der Wurzelbereich wird entsprechend ärmer an Lebenskräften. Die Insekten sind ganz intim mit dieser Strukturierung verbunden. Besondere Erwähnung finden die Regenwürmer, „diese goldigen Tiere“. Im Weiteren leben die Vögel mit den Bäumen zusammen, über sie entsteht auch eine Verbindung zum Wald und zum weiteren Luftumkreis. Die Schmetterlinge umschweben die Blüten der krautigen Pflanzen. Der Einfluss des Waldes und die Funktion von Feuchtbiotopen zur Absorption von Parasiten und Krankheitserregern wird geschildert. Eine Verminderung von landwirtschaftlicher Nutzfläche zu Gunsten von ökologischer Ausgleichsfläche kann im Ganzen eine positive Bilanz für den Hof bringen. Dies sagt Steiner 1924 – es könnte in einer aktuellen Verordnung zur Landwirtschaftspolitik stehen! Die Hecken werden erwähnt und ihre Möglichkeit, Gesundfutter für die Säugetiere zu liefern. Am Schluss wird nochmals im Grossen auf das Geben und Nehmen in der Natur hingewiesen. „Die Pflanze gibt, das Tier nimmt im Haushalt der Natur.“

 

Achter Vortrag

Der achte Vortrag behandelt die Fütterung. Grundlegend wird einführend nochmals die Natur des Tieres, der Pflanze und ihr Zusammenwirken geschildert. Das Tier hat einen deutlich ausgeprägten Nerven-Sinnes-Pol und einen Stoffwechsel-Gliedmassen-Pol. Im Kopf sind irdische Materie und kosmische Kräfte, im Bauch ist kosmische Stofflichkeit und irdische Kräfte. Die so geschilderten Verhältnisse im Kopf werden anschaulich für den Menschen: Das Gehirn ist irdische Materie, die Gedanken sind kosmische Kräfte. Auf Grundlage des Gehirns denkt das Ich des Menschen. Das Tier nun bringt es nicht bis zu der Gedankenbildung, es bleibt bei der Ich-Anlage und zwar nicht im Gehirn, sondern im Darminhalt. Wird dieser ausgeschieden als Dung und kommt als Dünger zu den Pflanzenwurzeln, ermöglicht er aus diesen Ich-Kräften ein optimales Pflanzenwachstum. Von diesen Pflanzen fressen dann wiederum die Tiere. So wird eine Landwirtschaft zum geschlossenen Organismus und im räumlich und zeitlich erweiterten Sinne zur Individualität.
Zur Fütterung erfolgen dann wieder ganz konkrete Angaben. Die Wurzel als Nahrung wirkt vorzüglich im Kopf, und vom Kopf aus wird beim jungen Tier der übrige Organismus geformt, also ist es günstig den Kälbern Möhren zu füttern. Bei der Jungviehaufzucht wird das ergänzt durch reifes Heu und Leinsamen mit dem Ziel, den Gestaltungskräften Raum zu geben. Bei der Milchviehfütterung steht das Blatt als Pflanzenorgan im Zentrum, insbesondere die Leguminosen, d.h. Klee und Luzerne. Ergänzen kann man dies durch Blüten und Samen zur Stärkung der Muskulatur. Beispielhaft wird die Sömmerung der Tiere erwähnt oder entsprechend ein Kräuterfutter. Bei der Mast, auch bei den Schweinen „sie sind ja so himmlische Tiere“, nimmt man Pflanzen, wo die Samenbildung bis in die Öl- und Fettbildung geht. Generell wird noch auf eine gute Salzqualität aufmerksam gemacht. Diese Prinzipien müssen in der Anwendung individualisiert werden. Zum Abschluss des Kurses wird nochmals auf die Urteilskraft und auf die Verantwortung des Landwirtes gezielt: „Es ist ein grosser Unterschied, ob über diese Dinge ein Landwirt redet oder einer, der ganz ferne steht der Landwirtschaft.“

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Zum Studium des Landwirtschaftlichen Kurses

Die acht Vorträge und die Fragenbeantwortungen können in verschiedener Art gelesen und studiert werden. Man kann mehr mit dem praktischen Auge lesen, was soll wie gemacht werden? Man kann mehr agronomisch lesen, wie ist das Pflanzenwachstum, die Düngung, die Natur des Tieres zu verstehen? Man kann ganz anthroposophisch lesen, wie findet sich die ganze Evolutionslehre, das Verhältnis von Geist und Materie in dem Gesagten wieder. Jeder dieser Zugänge wurde in den letzten 90 Jahren über die Generationen gepflegt und hat seine Berechtigung.

Steiner selber hat seine geisteswissenschaftlichen Forschungsresultate immer als Ergänzung zum aktuellen Wissensstand eines Fachgebietes in Praxis und Lehre verstanden. Die Methodik und die Instrumente der anthroposophischen Geisteswissenschaft hat er systematisch entwickelt und in voller Transparenz dargestellt. Für die Teilnehmer am Landwirtschaftlichen Kurs waren Grundkenntnisse der Anthroposophie Voraussetzung.

Das Zeitbedingte, das sich auf die landwirtschaftlichen, sozialen und wissenschaftlichen Verhältnisse der 1920er Jahre des letzten Jahrhunderts bezieht und das es in den Ausführungen von Steiner selbstverständlich gibt, weil er immer stark von den konkreten Lebensverhältnisse ausgegangen ist, können wir aus der historischen Distanz immer deutlicher von den prinzipiellen Gesichtspunkten unterscheiden. Bei diesen allerdings ist uns heute nach 90 Jahren klar, dass wir sie noch längst nicht ausgelotet haben in all ihren Dimensionen. Viele erlebten und erleben den Landwirtschaftlichen Kurs als Inspirationsquelle für ihr Engagement in Feld und Stall, im Labor, in der Küche, im Laden oder im Büro – und wir können heute ahnen, dass das noch für eine längere Zeit so bleiben wird.

 

Die Stellung des Kurses in der Welt

Der Landwirtschaftliche Kurs war am Anfang nur in nummerierten Exemplaren und im Sinne einer Leihgabe für wenige Menschen erhältlich. In den 1950er Jahren erfolgte dann die Veröffentlichung im Rahmen der Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners als Buch. Inzwischen ist die 8. Auflage im Verkauf, es wurden einige Zehntausend Exemplare gedruckt. Es gibt Übersetzungen in schätzungsweise 25 Sprachen. Der Kurs findet also eine immer weitere Verbreitung. Dazu kommt, dass der Gedanken- und Ideengehalt dieser Vorträge vielfältig in der ganzen Bio- und Ökolandwirtschaft wirkt. Zum Beispiel wurde Rachel Carlson über ihre Freundin Marjorie Spock die biodynamische Gärtnerin war auch durch den Landwirtschaftlichen Kurs zu ihrem Buch „Silent spring“ (1962) angeregt. Es ist bezeichnend, dass der Weltagrarbericht (2008) in der grossen Linie und auch in vielen Einzelheiten in Bezug auf die Zukunftsfähigkeit der Landwirtschaft zu Schlussfolgerungen kommt, die im Landwirtschaftlichen Kurs in einer anderen Sprache schon formuliert sind. Auch für die wirtschaftlichen Fragen, die heute im Bereich der Land- und Ernährungswirtschaft brennend aktuell sind, sind in den Vorträgen aus dem Jahre 1924 schon einige Prinzipien deutlich ausgesprochen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Erschliessung des Kurses noch nicht abgeschlossen ist und dass die Wirkensgeschichte dieses Werkes vielleicht sogar erst am Anfang steht. Wir möchten der Hoffnung Ausdruck geben, dass es weiterhin möglich ist, die Prinzipien und praktischen Angaben des Landwirtschaftlichen Kurses von Rudolf Steiner so in der interessierten Öffentlichkeit zu bearbeiten, dass daraus ein essenzieller Beitrag zu einer den Anforderungen der Zukunft gewachsenen Agrikultur erfliessen kann.